Sonntag, 7. September 2008
Vor 16 Jahren - Teil 4 (Aus Songs werden Suns)
"Also gut. Was treibt Han Lis treuesten Mitarbeiter dazu, den Lao Buhn in der schwersten Stunde des Tongs zurück zu lassen?" Gizmo ließ den Songs kaum Zeit zum Aussteigen, bevor er mit der Fragestunde begann.
"Ach, gibt es also doch etwas, das Du nicht aus dem Cortex filtern kannst?", entgegnete Song Hui schnippisch.
"Ich weiß, dass das Han-Anwesen seit 45 Minuten unter Feuer steht und die Wangs noch innerhalb dieser Stunde stürmen werden. Also was machst Du hier? Was bringt Deine Loyalität zur Han-Familie ins Wanken?"
"Bi Jeh, Chwen! Gar nichts, und das weißt Du genau. Der Junge hier wird morgen vermutlich der letzte noch lebende Han sein."

"Das ist also nicht Dein Sohn, sondern..."
"Sprich's nicht aus", fuhr Song Hui dazwischen. "Du wirst dafür sorgen, dass er es ist. Wir müssen Beaumonde schnell und möglichst unauffällig verlassen. Und dasselbe empfehle ich Dir."
"Mach Dir mal keine Sorgen um mich. Ich habe meinen Abgang schon lange vorbereitet."
Flugs setzte sich Gizmo an eins der zahlreichen Terminals in seiner Behausung und begann wild darauf herum zu tippen. Nach nur wenigen Minuten lehnte er sich triumphierend zurück. "Geschafft! Ab sofort seid Ihr die Suns aus Brimport auf Paquin."

"Der Zigeunerplanet?", fragte Song Hui perplex.
"Wo sonst könnte man besser untertauchen als in all diesem Trubel und diesen Lichtern?", grinste Gizmo. "Und wie es der Zufall will, hat ein Zirkus von dort gestern sein Gastspiel auf dem Central Square beendet und reist noch heute zurück nach Paquin. Wenn Ihr Euch beeilt, könnt Ihr mit ihnen fliegen."
Song Hui grübelte. "Hmmm, ein Zirkus... - keine schlechte Idee. Die haben ja ständig neue Leute dabei und können garantiert jede helfende Hand brauchen. Viel Fluktuation, wenige Fragen. Gizmo, Du beeindruckst mich immer wieder."

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Sonntag, 24. August 2008
Vor 16 Jahren - Teil 3 (Die Flucht)
Die Songs hetzten durch den (hoffentlich noch) geheimen Fluchttunnel des Han-Anwesens. Genaugenommen war es nur Song Hui, der hetzte. Die apathische Feng zog er einfach mit sich, den Jungen hatte er auf dem anderen Arm. Am Ende wartete das Notfallshuttle. Er wollte schnellstens zu "Gizmo", einem der wenigen verbliebenen Getreuen des Han-Tongs.

Gizmos richtigen Namen kannte niemand, nicht einmal Han Li. Wie er überhaupt an die Hans geraten war, wusste Song Hui nicht. Gizmo war nicht mal Chinese und hätte sich bei seinen Fähigkeiten sicher problemlos absetzen können. Offenbar hatte er einfach seinen Spaß. Song Hui fragte sich, wie Gizmo nun, da der Han-Tong praktisch zerschlagen war, weitermachen wollte. Irgendwie hatte er sowieso nie richtig verstanden, wie dieser kleine Kerl mit den wirren Haaren tickte.

Aber letztendlich war das auch egal. Sie brauchten neue Identitäten und einen schnellen Weg weg von Beaumonde. Vor allem bei ersterem war Gizmo der beste Helfer, den man sich denken konnte. Er lebte praktisch im Cortex und war schon lange der Standardadressat des Han-Tongs, wenn es galt, einem Mitglied ein unauffälliges Abtauchen zu ermöglichen.

Heute würde Gizmo seinen vermutlich letzten, aber gleichzeitig auch wichtigsten Auftrag für den Tong erledigen. In vermutlich nur wenigen Stunden wäre Long der letzte Überlebende der Han-Familie, und zu seiner eigenen Sicherheit sollte er dies am besten niemals erfahren. Dafür musste Gizmo ganze Arbeit leisten - sofern das überhaupt möglich war. Die Geburt des Han-Erben war vor zwei Jahren ein viel beachtetes Ereignis gewesen, aber wenigstens gab es keine Aufzeichnungen über seine fehlende Sprachfähigkeit oder das Mal des Drachen. Und die Menge der Personen, die über diese Umstände Bescheid wussten, beschränkte sich auf sehr wenige. Das damals beteiligte ausnahmslos chinesische Krankenhauspersonal hatte einen Blutschwur geleistet oder war unauffällig von der Bildfläche verschwunden.

Während des kurzen Flugs zu Gizmos "Refugium", wie er es gern nannte, hatten die Songs kein Wort gesprochen. Langsam befürchtete Hui, seine Frau würde dauerhaft in diesem Zustand bleiben. Momentan war ihm das aber eigentlich ganz recht, bedeutete es doch hoffentlich weniger Komplikationen bei der Abreise - wie auch immer die aussehen sollte. Song Hui hatte seine diesbezüglichen Überlegungen nie beenden können. Klar war nur, es musste schnell passieren. Und ohne großes Aufsehen.

Als sie sich näherten, vernahm Song Hui eine blecherne Stimme über das Funkgerät: "Wie lautet die Losung?"
Leicht genervt antwortete Song: "In cortici veritas." Er hatte noch nie viel von Gizmos Kindereien gehalten, und gerade jetzt kam es wirklich auf jede Sekunde an. Da war keine Zeit für solchen Blödsinn, weswegen er gleich anfügte: "Du weißt genau, mit wem Du sprichst. Also lass mich rein, ich hab's eilig. Die Wangs können jede Minute zuschlagen."
"Und ausgerechnet jetzt ist Song Hui nicht an Han Lis Seite?" Gizmo empfand keine Notwendigkeit mehr, seine Stimme zu verstellen. "Egal, das kannst Du mir gleich persönlich erzählen. Du weißt ja, wo Du lang musst."

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Samstag, 23. August 2008
Vor 16 Jahren - Teil 2 (Die schwerste Entscheidung)
Das Gespräch mit seinem Boss hatte Song Hui schwer aufgewühlt. Er musste auf dem schnellsten Weg von hier verschwinden. Nicht nur aus dem Haus, nicht nur aus New Dunsmuir, nein, er musste mit seiner Familie inkl. dem unverhofften Zuwachs so schnell wie möglich Beaumonde verlassen - und das auch noch, ohne großes Aufsehen zu erregen.

Während Song Hui noch an einer Lösung grübelte, schallte der Alarm durchs Haus.
"Was ist los?", wollte er von einer der Wachen wissen.
"Sie kommen", lautete die knappe Antwort.

Nun musste Song Hui rasch handeln. Er rannte zum Spielzimmer, wo er die beiden Jungen mit ihren Müttern vorfand, und umarmte seinen Sohn, bevor er die Frau seines Chefs ansprach: "Han Li hat mir aufgetragen, Euren Sohn in Sicherheit zu bringen."
Han E wusste nur zu gut um die Lage ihres Mannes - und ihre eigene. Mit Tränen in den Augen drückte sie Han Long fest an sich und wandte sich zum Gehen.
"D'un Yi Shia", hielt Song Hui sie auf. Unter dem erschrockenen Blick seiner eigenen Frau reichte er Han E die Hand seines eigenen Sohns.

"Ich verstehe nicht", sagte sie ehrlich.
"Die Schergen der Wangs erwarten bei ihrem Eintreffen eine komplette Familie inklusive zweijährigem Sohn. Und genau die werden sie auch vorfinden", entgegnete Song Hui gefasst.
"Das kann Li unmöglich von Dir verlangt haben." Der Schock stand Han E ins Gesicht geschrieben.
"Hat er auch nicht. Aber nur so kann ich Long unauffällig von Beaumonde wegschaffen."
"Nein", kreischte Song Feng hysterisch. "Das lasse ich nicht zu. Du wirst nicht - nein, ich..."
"Bi Jweh!" Song Hui verpasste seiner Frau eine derart überraschende und harte Ohrfeige, dass sie weinend und schluchzend zusammenbrach. "Denkst Du, mir fällt diese Entscheidung leicht? Ich habe Han Li versprochen, seinen Sohn zu retten, und genau das werde ich tun. Und Du wirst mit mir kommen. Dohn luh mah?"
"Ni Ching Soh!", schrie Feng und weinte hysterisch.
'Das habe ich wohl verdient', dachte Hui bei sich. 'Aber es muss sein.' Wortlos half er seiner Frau, die sich nach kurzer Gegenwehr schließlich fügte, wieder auf. Dann wandte er sich wieder an die Hausherrin: "Nimm Dan und geh zu Deinem Ehemann. Wir verschwinden mit Long durch den Tunnel."

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Montag, 18. August 2008
Vor 16 Jahren - Teil 1 (Das Ende naht)
Han Li Wasong war verzweifelt. Der Wangsche Erbfolgekrieg hatte immer größere Kreise gezogen. Und heute oder spätestens morgen würde er an seiner Tür ankommen.

Für Li gab es kein Entrinnen. Er hatte auf den falschen Wang-Bruder gesetzt. Beide waren zwar nicht unbedingt zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel, aber Wang Jie Fojung beschränkte sich in puncto Gewaltanwendung für gewöhnlich auf das Allernotwendigste. Diese Haltung entsprach mehr der Tradition des Han-Tong.

Sein jüngerer Bruder Wang Hu Fokang hingegen war ein rücksichtsloser und brutaler Sadist. Dies galt insbesondere, seit vor etwa einem halben Jahr seine Frau Bao ins Kreuzfeuer geraten und gestorben war. Bis heute hatte niemand geklärt, welche Seite den letztendlich tödlichen Schuss abgegeben hatte. Wang Hu war das egal. Er hatte blutige Rache an seinem Bruder und dessen eifrigsten Helfern - eben den Hans - geschworen.

Für Han Li gab es kein Entrinnen. Das wusste er genau. Der Kodex verlangte von ihm, sich Wang Hu zu stellen. Aber er sah keinen Grund, warum sein kaum zwei Jahre alter Sohn Han Long ein Opfer dieses unseligen Tong-Kriegs werden sollte. Daher hatte er seinen engsten Vertrauten Song Hui Pandu zu sich gebeten. Die Geschicke der Hans und der Songs waren seit über 25 Generationen eng miteinander verbunden; einst hatte Han Lis Uhrahn Han Bo sein Leben gegeben, um das seines Kameraden Song Jie zu retten, woraufhin dieser gegenüber der Familie Han einen Treueschwur geleistet hatte, der auf den jeweils Erstgeborenen übergegangen war.

"Song Hui", begann Han Li, "unsere Familien haben gemeinsam viele Krisen überstanden."
"Fürwahr, Han Li. Doch keine reichte auch nur ansatzweise an die aktuelle heran." Song Hui kam immer schnell zum Punkt.
"Das sehe ich - bedauerlicherweise - ähnlich." Han Li seufzte. "Wang Hu wird keine Gnade walten lassen. Zu tief hat ihn der Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes getroffen. Seine Rachsucht wird erst befriedigt sein, wenn meine Familie getötet wurde. Aber den Gefallen werde ich ihm nicht tun."
"Wie meinst Du das, Chef? Willst Du fliehen?"
"Nein, er würde mich sicher finden. Auch E hat keine Chance." Bei dieser Erkenntnis, das auch das Schicksal seiner Frau besiegelt war, hatte er Tränen in den Augen. "Unsere Gesichter sind einfach zu bekannt."

Han Li schlug mit den Fäusten auf seinen Schreibtisch. "Aber Long kann entkommen. Er ist völlig unbeteiligt an dieser Sache. Ich sehe nicht ein, dass sein Leben bereits beendet werden sollte, bevor es wirklich begonnen hat."
"Was hast Du vor?"
"Ich habe gar nichts vor. Du wirst ihn von hier fortbringen. Am besten sofort. Nimm ihn, Dan und Feng, und verschwindet von hier."
Song Hui traute seinen Ohren nicht. Er schüttelte den Kopf. "Nein, Chef. Ich werde nicht von Deiner Seite weichen."
"Song Hui, ich habe Dich immer mehr als Freund denn als Angestellten gesehen und weiß Deine Treue zu schätzen, die weit über einen einfachen Schwur hinausgeht. Aber jetzt erteile ich Dir einen klaren Befehl: Rette Dich und Deine Familie. Und rette meinen Sohn. Gib die beiden Jungs als Zwillinge aus, sie sind doch eh dauernd zusammen. Ein paar Leute arbeiten noch für mich, die den Cortex derart manipulieren können, dass es keinem auffallen sollte."
Song Hui musste diese Aussage kurz verdauen. Dann verbeugte er sich förmlich und antwortete: "Also gut. Wenn dies Dein Wunsch ist, soll es so geschehen."

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Vor 18 Jahren
Han Li Wasong war glücklich. Nur selten hatte Hui Pandu ihn so fröhlich gesehen, vor allem in letzter Zeit. Sein Chef fühlte sich zu jung für seine neue Rolle als Tong-Chef. Aber seit sein Vater Han Feng Hotan das Krankenbett hütete, führte er die Familiengeschäfte. Und das gerade jetzt, wo die Wangs immer mehr in das Han-Territorium eindrangen. Bei den Wangs tobte eine offene Rivalität zwischen den beiden Söhnen des Anführers um dessen Nachfolge, was einige Kollateralschäden verursachte.

Früher oder später würden die Hans sich auf eine der beiden Seiten schlagen müssen. Hui Pandu hoffte nur, dass sein Boss die richtige Wahl treffen würde. Aber heute war das alles belanglos. Da lag Han Long Weitsun, das erste Kind seines Chefs. Hui Pandu konnte Li Wasongs Hochgefühl nur zu gut nachvollziehen, war er doch selbst erst vor einer Woche Vater eines Sohnes geworden. Er wünschte dem jüngsten Han, dass er noch lange von den Sorgen verschont bleiben würde, mit denen sich sein Vater viel zu früh auseinandersetzen musste. Fest stand aber bereits jetzt, dass dort ein außergewöhnlicher Junge lag. Zwar war er mit verkümmerten Stimmbändern zur Welt gekommen, aber vielleicht würde man das eines Tages reparieren können - wenngleich das wohl nicht hier in New Dunsmuir gelingen würde.

Viel wichtiger und vor allem markanter war jedoch das Mal des Drachen, zumindest für die Traditionalisten. Hui Pandu zählte sich zwar nicht unbedingt dazu, aber in der momentan angespannten Lage klammerte man sich an jede Hoffnung. Wenn diese fünf ringförmig angeordneten Leberflecke an der Hüfte des Jungen tatsächlich Glück bedeuteten, würde der Tong diese Krise vielleicht doch gut überstehen.

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